25. März 2019

Stau und Kratzer am Auto

An einem Abend saß ich nach einem Vortrag über Indien noch mit der Referentin und einigen Freunden bei einem Glas Wein zusammen. Die Referentin hatte erzählt, wie sie als junge Frau Indien bereist und in Benares ein Erlebnis hatte, das ihr Leben nachhaltig veränderte: Sie saß, weil sie sich unwohl fühlte, etwas zusammengekauert auf den Stufen am Ganges, wo fromme Hindus zum Bad im Heiligen Fluss ihre Kleider ablegen. In der Nähe war eine Gruppe von Leprakranken. Da kam ein älterer Mann, der schon deutlich von seiner Krankheit gezeichnet war, zu ihr, legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte: „Geht es Dir nicht gut, kann ich dir helfen?“. Sie sah zu ihm auf und war bewegt, dass ein elender kranker Mensch, ihr der jungen Europäerin, der es außer einer leichten Unpässlichkeit an nichts fehlte, seine Hilfe anbot. Als dann Polizisten kamen und die Leprakranken auf die Ladefläche eines Lastwagens trieben, sprang sie in einem spontanen Entschluss mit auf den Wagen. Sie musste dann erleben, wie diese Menschen ins Gefängnis gebracht wurden, um sie den Augen der Touristen zu entziehen.

Von Stund an widmete sie sich diesen Menschen und baute eine Hilfsorganisation für Leprakranke in Indien auf. – Als wir zu vorgerückter Stunde so zusammen saßen, schaute sie uns alle der Reihe nach an und sagte: Wenn sie morgens wach werden, rate ich Ihnen: Sagen sie erst mal drei Mal Hallelujah und bedanken sich, dass sie hier in Deutschland leben dürfen.

Ich musste an unsere ständige Nörgelei denken, über die Kratzer am Auto oder zu spät kommende Busse oder überfüllte U-und S-Bahnen, die uns das Leben schwer machen oder wie schlimm es ist, wenn wir im Stau stehen oder der böse Nachbar sich in unsere Einfahrt stellt.

Wir haben uns an viele Dinge gewöhnt, die nur für einen kleinen Teil der Menschheit selbstverständlich sind: unsere warme Dusche am Morgen, gutes Essen und Trinken, anständige Kleidung, Sicherung in Krankheit und Arbeitslosigkeit, Friede und Freiheit. Wenn ich das Licht einschalte, geht es auch tatsächlich an, es sei denn die Birne ist defekt oder es liegt ein Kurzschluss vor.

Es geht darum, dass wir uns bewusst machen, dass alle diese Dinge nicht selbstverständlich sind. Wir sollten uns angewöhnen, auch für die kleinen Dinge im Alltag dankbar zu sein, die oft unscheinbar daher kommen. Wir sollten wieder die Dankbarkeit für uns entdecken.

Aus: Quellen gelingenden Lebens von Dr. Joachim Heisel

Über joachimheisel

Joachim Heisel, Dr.med. Ich stamme aus Trier, studierte Medizin, Psychologie, Philosophie und Theologie in Bonn, Köln und München. Ich lebe seit 1978 in München und bin dort als Internist und Psychotherapeut in eigener Praxis tätig. Vor einigen Jahren gründete ich den Arbeitskreis "Psyche und Gesellschaft" und halte neben meiner beruflichen Tätigkeit Vorträge und Seminare zu Fragen der persönlichen Lebensbewältigung und zu gesellschaftlich relevanten Themen aus christlich-anthropologischer Sicht. 2010 erschien mein Buch "Hoffnung im Alltag", Editon die Nische ISBN 978-3-9812932-2-7 (www.edition-die-nische.de).
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.